Schutz

Diesen Text jetzt zu schreiben kostet mich all meinen Mut, den ich nach den letzten Tagen noch in mir habe. Ich kratze ihn aus allen Ecken meines Seins zusammen, um ehrlich zu erzählen was ich in den letzten Tagen erlebte.

„Eine Yogini schaut den Dingen direkt ins Auge“

sage ich immer wieder. Und in den letzten 3 Tagen musste ich mir das selbst immer wieder sagen.

Ich lag 2,5 Tage in einem abgedunkelten Zimmer. Ich war nicht körperlich krank. Ich hatte keine Migräne, die gerechtfertigt hätte, warum ich mich in meinem Schlafzimmer verbarrikadiert habe (Das ist nämlich das Gute an der Migräne: Du kannst sie immer dann verwenden, wenn dir andere Befindlichkeiten schwierig zu kommunizieren scheinen. „Ach, ich hatte Migräne“, lässt sich leichter aussprechen als das, was ich jetzt schreiben werden.).

Du merkst vielleicht an meinen ersten Zeilen, wie sehr ich herumeiere. Wie sehr ich sogar beim Schreiben die Wahrheit „herauszögern“ möchte (und ich mache das nicht, um einen Spannungsbogen aufzubauen;).

Vor 3 Tagen hat mich eine Situation dermaßen getriggert, dass ich voller Angst und Panik keine andere Lösung hatte, als Schutz in meinem Schlafzimmer, in meinem Bett, unter meiner Bettdecke und mit meinem Teddy im Arm zu suchen und auch, das nehme ich mal vorweg, zu finden. Ich suchte keinen Schutz auf der Yogamatte, keinen Trost in einer Meditation, suchte keine Erdung in Asanas oder Geborgenheit beim Mantrasingen.

Ich möchte die Situation hier nicht detailliert beschreiben, weil sie nur eine Stellvertreterin ist, für Trigger, die mir im Alltag immer wieder begegnen und mit denen ich, als Frau mit der Erkrankung PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) leben und umgehen muss. Dennoch ist die Situation wichtig, weil sie aufzeigt, dass Menschen, die traumatisierte sind, kleine, scheinbar völlig „normale“ Situationen so aus der Bahn werfen können, dass sie, wie ich, Tage außer Gefecht gesetzt werden. Einfach so. Aus dem Nichts.

Die Situation war folgende: Ich war an einem schönen Vormittag mit einer lieben Freundin bei mir zu Hause und mein Ehemann kam unerwartet und unangekündigt nach Hause. Das war’s. Ich war weder in einer düsteren Ecke in einer „No-Go-Area“, noch waren unangenehme Menschen in meiner Nähe. Ich war weder auf einem großen OpenAir-Festival, noch in einem überfüllten Zug unterwegs. Ich war weder…

Du merkst worauf ich hinaus will. Es war alles gut. Mehr noch: Es war eine schöne Situation. Und ja, mein Mann hatte sich nicht angekündigt und auch meine Freundin war etwas erschrocken, als er plötzlich die Tür aufschloss. er gab sich schnell zu erkennen und ich konnte auch noch seiner Erzählung folgen, warum er jetzt, außerplanmäßig, nach Hause kam. Er war etwas aufgewühlt, etwas hatte nicht so geklappt wie es sollte. Meine Freundin bemerkte den Stress meines Mannes und ließ uns alleine, damit wir in Ruhe darüber sprechen konnten. Die Situation war schnell erzählt und mein Mann verabschiedete sich alsbald wieder von mir um zurück zu seiner Arbeit zu kehren.

Es war rein gar nichts gefährliches oder unheimliches an dieser Situation. Nichts. Und dennoch löste der Schreck, als mein Mann die Tür aufschloss in meinem System etwas aus, wofür ich 3 Tage brauchte um es richtig einordnen zu können. Nur 3 Tage möchte ich hier noch einschieben. Für Menschen, die nicht an PTBS leiden, hören sich 3 Tage nach einer ganzen Menge an. Für Betroffene nicht. Für mich nicht. Als ich mir meiner Vergangenheit noch nicht bewusst war, konnten schon mal Wochen ins Land gehen und ich war wie in Trance unterwegs. Ich war nicht in der Lage, die Situation als solches zu erfassen, was sie tatsächlich war: Ich erlebte einen Flashback.

Als mir klar wurde, was ich da erinnerte, konnte ich nichts anderes mehr tun als die Treppe hinaufzusteigen und mich in mein Bett zu legen (auch hier möchte ich darauf hinweisen, dass das erst nach jahrelanger Psychotherapie möglich ist. Früher konnte ich nicht aushalten was hervorbrach, ich „machte weg“, mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen!) Der Körper fühlte sich plötzlich so unendlich schwer an. Ich weinte, ich schrie, ich zitterte. Ich fühlte als Erwachsene das, was ich als Kind gefühlt hatte, aber nicht fühlen durfte, weil es damals ums nackte Überleben ging. Als 1,5 Tage vorüber waren, ging ich über zum Serien gucken (Netflix sei dank!). Sie beruhigten weiter mein System. Ich lag weiterhin in meinem Bett, mein Mann brachte mir immer wieder etwas zu trinken und zu essen. Natürlich war ihm sofort klar, als ich ihm schrieb was passiert war, worum es sich handelt. Wir leben seit 22 Jahren glücklich zusammen und er hat schon viele dieser Zusammenbrüche miterleben müssen.

Am 3. Tag schaffte ich es morgens unter die Dusche. Ich wusste, dass ich das schlimmste überstanden hatte und dass ich mich nun langsam aufrappeln würde. Dennoch war ich meilenweit entfernt mich auf die Yogamatte zu begeben. Ich ging zurück in mein Bett, legte mich unter die Bettdecke, nahm meinen Teddy in den Arm. Und guckte weiter Serien. Ich entschied mich ganz bewusst gegen die Yogamatte. Gegen eine Asanapraxis. Mein System war noch nicht soweit. Ich war noch nicht soweit. Und das war okay. Mehr noch als okay! Es war das einzig Richtige, mich gegen die Matte zu entscheiden.

Und dennoch entschied ich mich für den Yoga.

Denn eine Yogini war ich die ganzen 3 Tage über immerzu.

Ich stellte mich den Dämonen aus der Vergangenheit, ich ließ alle Gefühle zu, ich erinnerte mich schonungslos und ich erholte mich. Ich tat das, was mich die Asanapraxis gelehrt hat:

„Du gehst auf die Matte, nimmst wahr wie es dir geht, richtest deine Praxis danach aus und erholst dich zum Schluss in Shavasana.“

Das ist Yoga.

Namasté.

Jenny

 

P.S. Dieser Text entstand im August. Erst jetzt habe ich den Mut ihn zu veröffentlichen.